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Durch die nicht abebbende Okkultismuswelle hervorgerufen und den mangelnden Informationsstand über die Ergebnisse wissenschaftlicher Parapsychologie bedingt, kleiden manche psychisch Kranke (aber zuweilen auch deren medizinische oder psychologische BetreuerInnen oder Bezugspersonen) ihre Erlebnisinhalte zunehmend in eine mißverstandene, vermeintlich „parapsychologische“ Terminologie ein. So wird von Personen, die an einer Wahnerkrankung leiden, heute häufiger zu hören sein, daß sie „telepathisch verfolgt“ würden, während früher eher von „Beeinflussung durch Radarwellen“ die Rede war. Merkwürdigerweise werden solche Patienten manchmal von psychiatrischen Stellen an die Parapsychologische Beratungsstelle verwiesen.
Viel häufiger ist dagegen, daß - ebenfalls wieder von Laien und Fachpersonal - „Ungewöhnliche menschliche Erfahrungen“ (UME) oder sogenannte „Spontane Paranormale Erfahrungen“ (SPE) als Anzeichen für eine psychische Erkrankung fehlinterpretiert werden. Es ist offensichtlich, daß eine eindeutige Zuordnung subjektiver Erfahrungen, die den gegenwärtig akzeptierten naturwissenschaftlichen Paradigmen zu widersprechen scheinen, zum Bereich des Paranormalen bzw. des Psychopathologischen im Einzelfall sehr schwierig sein kann und eine langjährige fachliche Erfahrung voraussetzt - so sind z.B. die im „DSM-IV“ (einem psychiatrischen Klassifikationsschema) aufgeführten Klassifikationskategorien in dieser Hinsicht wenig brauchbar. Dennoch kann man sagen, daß SPE im allgemeinen spontan und eher selten auftreten, psychopathologische Erfahrungen hingegen sich oft durch ihre Persistenz auszeichnen. Besonders risikoreich scheinen okkulte Praktiken vor allem dann zu sein, wenn sie nicht aus „Neugierde“ oder „Wissensdurst“ - wie bei den meisten Jugendlichen -, sondern zur Lösung von anstehenden (persönlichen) Problemen verwendet werden. Dabei kann es nicht nur zu einem (sozial) unangepaßten Problemlösungsverhalten (z.B. falsche, unrealistische Erwartungen, Befürchtungen oder Reaktionsweisen) kommen, sondern auch zu einem sich zirkulär verstärkenden Realitätsverlust, wie z.B. einer übersteigerten Ich-Aufblähung oder auch einem Selbstwertverlust. Dabei spielen SPE für die Betroffenen oft eine nicht zu unterschätzende Rolle (vgl. Lucadou 1991, Lucadou, Poser 1997). Leider fehlt in bezug auf die Betreuung von SPE-Fällen eine systematische Forschung fast vollständig, so daß es auch kaum erprobte Therapiekonzepte für die Praxis gibt; die meiste Literatur ist qualitativ und phänomenologisch orientiert (vgl. Bender 1959, 1979). Allerdings steht bei der Beratung Betroffener der aufklärende, informierende Aspekt - im Sinne einer "positivistischen" Wissenschaftsauffassung - nicht notwendigerweise im Vordergrund. Ausgehend von neuesten Forschungsergebnissen der Parapsychologie (vgl. Lucadou 1990, 1991, 1992a), wurde ein Beratungskonzept entwickelt, das weitgehend „ideologie-invariant“ ist und es daher erlaubt, persönliche „Belief-Systeme“ positiv in die Verarbeitung „paranormaler“ Erfahrungen zu integrieren. (Es ist z.B. sinnlos, einem überzeugten Spiritisten zu erklären, daß seine „Geister“ „innerpsychische Repräsentationen kognitiver Strukturen“ sind; man kann aber durchaus „spiritistisch“ argumentieren, wenn man Fehlentwicklungen verhindern will, indem man z.B. klar macht, daß die „Geister“ es nicht mögen, wenn man ihnen dauernd nachspürt.) Angesichts einer zunehmend kritischen Haltung gegenüber den „Segnungen der Wissenschaft“ und einer Ausuferung „alternativer“ Welt- und Lebensmodelle im Zuge der „New Age“-Mode in breiten Schichten der Bevölkerung scheint eine „flexible response“ wesentlich erfolgreicher zu sein als „Interventionsstrategien“, die lediglich eine Rückkehr zu den „herrschenden Paradigmen“ anstreben. Bei diesem Beratungskonzept geht es vor allem darum, die systemtheoretische Struktur „paranormaler“ und (damit verbundener) „normaler“ psychologischer Prozesse in die Sprache der Betroffenen zu „übersetzen“, um diesen die Möglichkeit zu geben, die Vorgänge von ihrem Standpunkt aus zu verstehen und sich schließlich selbst zu helfen. Dabei können durchaus praktische Ratschläge gegeben werden, z.B. wie Spuk-Phänomene zum Verschwinden gebracht werden können oder wie man mit „spiritistischen Botschaften“ umgeht. Insbesondere über die Behauptungen bestimmter Psychosekten (z.B. der Scientology-Sekte), sie verfügten über wirksame Psychotechniken zur Aktivierung und Erlernung „übermenschlicher“ Fähigkeiten, können mit recht hoher Sicherheit Aussagen gemacht werden: Wegen der inhärenten Spontanität und des dynamischen Charakters paranormaler Erfahrungen können diese während der Erlernung bestimmter Psychotechniken (z.B. dem „Auditing“) bisweilen durchaus erfahren werden. Die scheinbaren „übersinnlichen Fähigkeiten“ versagen aber gerade in dem Augenblick, da sie zielgerichtet eingesetzt werden sollen. Dieser Sachverhalt wird von den Psychosekten und meist auch von den Betroffenen als Mangel beim Erreichen des Lernziels interpretiert (vgl. Lucadou 1992c, 1993, 1994). Daraus wird gefolgert, daß weitere „Kurse“ zur Erlangung des angestrebten Zieles erforderlich seien. Auf diese Weise kommt es häufig zur psychischen Abhängigkeit, so daß von einem regelrechten „Suchtverhalten“ gesprochen werden kann. Ein weiteres spezifisches Beratungsproblem bei guruistisch geführten Psychosekten stellt die „Ablösereaktion“ dar, die ehemalige Mitglieder (Aussteiger) solcher Sekten zeigen. Es handelt sich dabei um ein Syndrom, das von Verfolgungsvorstellungen bis hin zu psychosomatischen Reaktionen und SPE reicht. Hier ist große Erfahrung zur realistischen Einschätzung von erfahrenen Bedrohungen unabdingbar. Im Gegensatz zu vorhandenen kirchlichen Sekten- und Weltanschaungseinrichtungen ist es nicht die Aufgabe der parapsychologischen Beratungsstelle weltanschauliche oder religiöse Positionen zu vertreten. Die Beratungsstelle ist vielmehr eine wissenschaftliche Dienstleistung - vergleichbar mit einer Verbraucherberatung - die Wirkungen und Gefahren von Angeboten auf dem Psycho-, Religions- und Weltanschauungsmarkt kritisch vergleicht, wenn möglich auf seine Wirksamkeit, sein Preis-Leistungsverhältnis, seine Risiken und Nebenwirkungen hin untersucht und entsprechende wissenschaftliche Erkenntnisse auswertet, aufbereitet und an die Ratsuchenden weitergibt. Bei ungewöhnlichen oder „paranormalen“ menschlichen Erfahrungen (UME) ist es außerdem die Aufgabe der Beratungsstelle abzuklären, welche vorhandenen konventionellen Hilfseinrichtungen in Anspruch genommen werden können und mit diesen zusammenzuarbeiten. Fachlich spezialisierte Hilfseinrichtungen wie Krisentelephone, ärztlicher Notdienst, Telephonseelsorge aber auch Polizei, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk sind häufig angesicht der Ungewöhnlichkeit der Erlebnisse überfordert und nicht in der Lage, die Situation auf ihre Fachbezogenheit und Relevanz einzuschätzen. So ist es ohne spezifische Fachkenntnis (z.B. bei Spukberichten) nicht möglich zu entscheiden, ob es sich dabei um eine technische Störung, ein psychologisches, medizinisches oder gar um ein forensisches Problem handelt. Da der Staat verpflichtet ist, für die körperliche und damit auch für die psychische Unversehrtheit und Sicherheit seiner Bürger Sorge zu tragen, muß er auch ein adäquates Hilfsangebot für ungewöhnliche Fälle zur Verfügung stellen. Die Inanspruchnahme der Beratungsstelle zeigt deutlich, daß das vorhandene Angebot absolut unzureichend ist und Bürger nicht ausreichend vor den Auswirkungen des Psychomarktes und den Folgen der Unkenntnis in diesem Bereich geschützt sind. Es wäre in höchstem Maße unverantwortlich, die Folgen einer mangelnden Forschungsförderung auf diesem Gebiet (vgl. Petition 9/4394 an den Landtag von Baden-Württemberg. 1. November 1986) durch ein mangelndes Hilfsangebot zu verschärfen. Die Kosten, die der Gesellschaft aus dieser Situation entstehen, übersteigen die Kosten einer adäquaten Hilfseinrichtung um ein Vielfaches. Angesichts der Zunahme psychischer Probleme in der Bevölkerung ist mit einer Verschärfung der Situation in den nächsten Jahren zu rechnen. Eine sich immer mehr abzeichnende Tendenz zu fundamentalistischen Weltanschauungen kann schießlich auch zu politischen Instabilitäten beitragen. Eine entsprechende Prävention muß daher auf größere Zeiträume konzipiert werden. Quelle: WGFP |